Ein Blick auf das Playoff-Rennen in der American League
Liebe Baseballgemeinde, willkommen zum All-Star Break. Die spielfreie Zeit nutze ich, um einen kurzen Überblick über das Playoffrennen zu geben.
Zwei der drei Divisionen in der American League scheinen schon entschieden. Die AL East hingegen steuert auf ein spannendes Playoffrennen zu. Spannend wird auch zu sehen sein, was die Teams zur Trade Deadline noch an neuen Spielern an Bord holen werden.
American League East
Ende Mai hätte wohl niemand geglaubt, welches Standing wir jetzt in der American League sehen. Die New York Yankees, die am 31.5. mit 35–21 souverän die AL East anführten, sind abgerutscht. Die Boston Red Sox, die mit 28–31 das Schlusslicht bildeten, kämpfen plötzlich um die Playoffs. Und die Toronto Blue Jays? Die haben sich aus dem Nichts an die Spitze der Division katapultiert.
New York Yankees
Am 31. Mai führten die Yankees mit 35–21 und einer Winning Percentage von .625 souverän die Division an. 6,5 Spiele Vorsprung auf die nächsten Verfolger, das sah nach einem entspannten Ritt in die Playoffs aus. Heute, nur etwa sechs Wochen später, stehen sie bei 53–43 (.552), stehen auf Platz 2 und haben zwei Spiele Rückstand auf die Blue Jays. Fangraphs gibt den Yankees aber noch eine 89-prozentige Playoffwahrscheinlichkeit.
Was ist passiert? Die Yankees haben seit Ende Mai 18 Siege bei 22 Niederlagen eingefahren, eine Bilanz von .450. Die Offensive ist noch immer stark; auf das Jahr gesehen haben sie 151 Homeruns (1st in MLB) und 501 Runs scored (3rd in MLB). Allerdings sind die Stats in den letzten 30 Tagen etwas schlechter geworden: Sie haben 131 Runs gescort (6th in MLB) und liegen mit 42 Homeruns auf dem 3. Platz. Schaut man auf den OPS, waren sie im April und Mai immer unter den ersten 3 – im Juni allerdings sind sie nur 18. mit einem OPS von .718. Das Top of the Lineup (Judge, Bellinger, Chisholm) performt zwar noch, allerdings wird es danach schon dünn, und Spieler wie Volpe oder Goldschmidt haben einen Schlagdurchschnitt unter der Mendoza-Line.
Toronto Blue Jays
Die wirkliche Geschichte der AL East schreibt aber Toronto. Ende Mai standen die Blue Jays bei 29–28, gleichauf mit Tampa Bay und ohne wirkliche Playoff-Ambitionen. Heute führen sie mit 55–41 (.573) die Division an. Das ist eine Verbesserung von 26 Siegen bei nur 13 Niederlagen seit dem 31. Mai. Ihre Playoff-Odds liegen bei 83,5 %.
Toronto hat sowohl offensiv als auch defensiv einen Sprung gemacht. Mit 440 Runs Scored und 423 Runs Allowed haben sie ein Run Differential von +17. Ende Mai standen sie noch bei –10. Getragen werden die Blue Jays in der Offensive vor allem von George Springer, der Siegeswillen mit spektakulärer Performance kombiniert. Nicht umsonst wurde er hier vor einigen Wochen zum Spieler der Woche.
Boston Red Sox
Wenn jemand Ende Mai gesagt hätte, dass Boston heute um die Playoffs kämpft, hätten ihn wohl alle ausgelacht. 28–31 (.475) und klares Schlusslicht in der Division, die Red Sox sahen aus wie ein Team im Rebuild-Modus. Heute stehen sie bei 53–45 (.541) und sind fest im Wild-Card-Rennen etabliert. Noch wichtiger: Sie haben gerade einen 10-Spiele-Winning-Streak (im Juli haben sie bisher nur ein Spiel verloren), und das, obwohl sie ihren Starspieler Rafael Devers an die Giants verloren haben. Vielleicht war das aber ein klassischer Fall von "Addition durch Subtraktion". Mit 491 Runs Scored haben sie die zweitbeste Offensive der AL East entwickelt, und im Juli haben sie ihre Gegner 82:35 outgescored, was heißt, dass sie nicht nur in der Offensive stark sind, sondern auch das Pitching gut funktioniert. Besonders Brayan Bello hat sich etabliert (2,51 ERA in den letzten fünf Starts). Ihre Playoffchancen liegen dagegen "nur" bei 55,6 %. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie noch das schwerste Restprogramm in der AL East haben (.516). Allein im Juli spielen sie noch gegen die Cubs, die Phillies, die Dodgers und die Twins.
Tampa Bay Rays
Die Rays machen Rays-Dinge: mit einer niedrigen Payroll relativ guten Baseball spielen. Von 29–28 Ende Mai verbesserten sie sich auf 50–47, Stand heute. Ende Juni standen sie schon mal 11 Spiele über .500, aber der Juli war für sie bisher mit Serienniederlagen gegen die Twins und Tigers sowie einem Sweep gegen die Red Sox enttäuschend. Wie immer laufen sie auch ein wenig unter dem Radar (zumindest unter meinem). In der Offensive sind sie 13. (OPS) und im Pitching 11. (Team ERA) – also eigentlich Mittelmaß. Daher gibt Fangraphs ihnen auch "nur" 37 % Playoff-Chancen.
Baltimore Orioles
Die Orioles haben sich zwar von 20–36 (.357) auf 43–52 (.453) verbessert, aber 15 Spiele Rückstand auf die Spitze sind in der heutigen MLB einfach zu viel, um noch eine Rolle zu spielen. Dazu kommt, dass Baltimore einen der schwersten verbleibenden Spielpläne in der Liga hat (Strength of Schedule: .515).
American League Central
Die AL Central erzählt eine ganz andere Geschichte: Hier gibt es einen klaren Favoriten – und der heißt Detroit Tigers.
Detroit Tigers
Mit 59–38 (.608) führen die Tigers nicht nur souverän ihre Division an, sondern haben auch den besten Record der gesamten American League. Ein Run Differential von +87 spricht für sich, das ist eine Mannschaft, die sowohl offensiv als auch defensiv funktioniert. Mit Tarik Skubal haben sie einen der spektakulärsten Pitcher der Liga (ERA 2,23, WHIP 0,83), und auch die Offensive spielt im Konzert der Großen mit; mit einem OPS von .749 sind sie auf Platz 6 in der MLB.
Der Rest: Kampf um Platz 2
Minnesota (47–49, .490), Kansas City (47–50, .485) und Cleveland (46–49, .484) liegen alle praktisch gleichauf – ein Spiel trennt diese drei Teams. Das ist wichtig für das Wild-Card-Rennen, auch wenn keines dieser Teams momentan wie ein ernsthafter Playoff-Kandidat aussieht. In der Division liegen sie 11,5 bzw. 12 Spiele zurück und im Wild-Card-Race 4–4,5 Spiele. Die Division scheint verloren, aber im Wild-Card-Rennen geht sicher noch etwas für diese Teams, sollten sie einen positiven Run starten.
Wenn man auf den Strength of Schedule schaut, hat Cleveland mit .476 den leichtesten verbleibenden Spielplan aller AL-Teams, während Minnesota (.488) und Kansas City (.495) es deutlich schwerer haben werden. Das könnte Cleveland den entscheidenden Vorteil im Kampf um einen Wild-Card-Platz verschaffen.
Chicago (32–65, .330) ist einfach nur schlecht und hat mit den Playoffs nichts mehr zu tun.
American League West
In der AL West ist noch mehr oder weniger alles offen, oder schon alles entschieden, je nachdem, wie man draufblickt. Die Astros führen mit fünf Spielen vor den Mariners und mit 8,5/9 Spielen vor den Rangers und Angels. Fünf Spiele sind schon ein gutes Polster, aber sie sind auch schnell wieder verspielt.
Houston Astros
Die Astros machen das, was sie seit Jahren machen: soliden, professionellen Baseball spielen. Mit einem Run Differential von +56 sind sie nicht dominant, aber konstant genug, um die Division zu kontrollieren. Sie haben nur 362 Runs zugelassen (3rd in der MLB) und hatten als einziges Team schon drei Complete Games, zwei davon von Framber Valdez. Allerdings schwächelt das Pitching in den letzten 30 Tagen ein wenig. Offensiv überzeugen die Astros eher durch gutes Hitting, sie haben den besten Average der Liga, als durch Power (100 HRs, 13th in der MLB). In der zweiten Hälfte wartet auf Houston der leichteste verbleibende Spielplan aller AL-West-Teams (.482), was ihnen helfen könnte, den Vorsprung zu halten. Nach dem All-Star Break geht es direkt in eine 3-Spiele-Serie gegen die Mariners, das könnte schon den Ton für die zweite Hälfte setzen. Ansonsten klingt der Juli mit Serien gegen Arizona, die Athletics und Washington eher easy aus.
Seattle Mariners
Die Mariners (51–45, .531) waren schon einmal acht Spiele über .500 und vier Spiele vor den Astros, aktuell haben sie allerdings fünf Spiele Rückstand auf Houston. Die sind zwar aufholbar, aber Seattle muss wieder in Gang kommen. Mit Cal Raleigh haben sie den aktuell besten Powerhitter im Lineup (und HR Derby Champion). Allerdings sind sie mit einem Team ERA von 3,89 nur 16. in der MLB. Ihr Strength of Schedule ist vergleichbar mit dem der Astros: .491.
Texas Rangers und Los Angeles Angels
Die Texas Rangers (48–49, .495) und die Los Angeles Angels (47–49, .490) liegen beide zurück. Beide Teams haben dabei einen leicht schwereren Schedule: Rangers (.513), Los Angeles (.508). Insgeheim roote ich immer ein wenig für die Angels, denn Mike Trout hätte es einfach verdient, in seiner Karriere einen tiefen Playoff-Run zu haben. Dieses Jahr schaut es etwas besser aus als letztes Jahr, mehr dazu aber unten im Wild-Card-Race.
Ähnlich wie die White Sox sind auch die Athletics (41–57, .418) einfach nur schlecht und spielen für die Zukunft.
Wild-Card-Rennen
Im Wild-Card-Rennen würden momentan die Yankees, Red Sox und Mariners die drei Wild-Card-Plätze belegen – aber dahinter lauern mehrere Teams.
Die aktuellen Wild-Card-Teams
- New York Yankees (53–43, .552): +2,0 GB, 89 % Wahrscheinlichkeit
- Boston Red Sox (53–45, .541): +1,0 GB, 83 %
- Seattle Mariners (51–45, .531): 0 GB, 72 %
Die Verfolger
- Tampa Bay Rays (50–47, .515): 1,5 Spiele zurück, 37 % Wahrscheinlichkeit
- Texas Rangers (48–49, .495): 3,5 Spiele zurück, 18 %
- Los Angeles Angels (47–49, .490): 4 Spiele zurück, 4 %
- Minnesota Twins (47–49, .490): 4 Spiele zurück, 23 %
- Kansas City Royals (47–50, .485): 4,5 Spiele zurück, 11 %
- Cleveland Guardians (46–49, .484): 4,5 Spiele zurück, 10 %
Bei den Guardians würde ich aktuell den Cut ansetzen, alles, was mehr als fünf Spiele zurückliegt, hat, denke ich, nur noch Außenseiterchancen auf die Playoffs. Auch sieht es bei den Angels, was die Percentage angeht, nicht gut aus. Es wird viel davon abhängen, was die Teams noch an der Trade Deadline machen und wie sich die Chancen auf die Playoffs dann entwickeln. Wenn man sich die Namen aber so ansieht – und wenn die Verfolger keinen Blockbuster-Trade machen werden es wohl am Ende die Yankees, Red Sox und Mariners machen.
Das war’s für den Blick auf die American League – wir lesen uns am Freitag wieder, dann blicke ich auf die National League.
Falls Du einen Kommentar zum Artikel hast oder Dich darüber austauschen willst, schicke mir gerne eine eMail, oder kommentiere auf Social Media. Alle Social Media Kommentare werden unten aufgelistet. Ich freue mich darauf von Dir zu hören. Außerdem kannst Du den Newsletter abonnieren, dem WhatsApp Channel beitreten oder das Projekt direkt unterstützen.